Daniel Maeder war Mitbegründer und bis 2020 Geschäftsführer und damit einer der prägendsten Menschen für die CoOpera. Verdankenswerterweise hat Matthias Wiesmann, ein enger Weggefährte, einen Nachruf verfasst, den wir im Newsletter sehr gerne abdrucken.
Daniel Maeder – geboren 19. September 1952, gestorben am 22. Januar 2025 im Rüttihubelbad bei Bern

Dass es von einem Menschen zwei oder drei Bilder gibt, zum Beispiel dasjenige des Familienvaters, des Vorgesetzen im Geschäft und des Kollegen im Verein, ist üblich. Sie ergänzen sich, stehen kaum im Gegensatz zueinander. Die Bilder, die es von Daniel Maeder gibt, gehen über das Übliche weit hinaus, manche scheinen geradezu im Widerspruch zueinander zu stehen. Sie weisen auf eine ausserordentliche Vielseitigkeit dieses Menschen hin. So hat sich wohl mancher gewundert, als Daniel sich an seinem 50. Geburtstag als Drummer zu seiner Band auf die Bühne setzte, vor allem wenn er ihn zuvor nur als Spieler auf der Bühne der Mysteriendramen von Rudolf Steiner gesehen hatte. Und nochmals konnte er sich wundern, als er den zupackenden, versierten Praktiker plötzlich mit seiner letzten selbst gestellten Aufgabe in Verbindung bringen musste, die den Untertitel trug «Die Öffnung der Mysterien. Anthroposophie und die traditionellen Logen» (er engagierte sich sowohl in der Anthroposophie wie in der Freimaurerei).
Er gehörte zu den Menschen, die Probleme als Herausforderungen sehen und es nicht bei der Mode bewenden lassen, das Wort «Problem» durch «Herausforderung» zu ersetzen. In der Problemstellung erlebte er direkt die Aufgabenstellung. So war es jedenfalls, als die Politik in den 1970-er und 1980-er Jahren die Altersvorsorge diskutierte. Jene an den Diskussionsabenden im Restaurant Teestübli in Bern entstandene Konstellation sollte sich unzählige Male wiederholen: Udo Herrmannstorfer schilderte eine problematische Entwicklung oder Situation, die eigentlich zum Handeln aufforderte. Daniel blieb nie bei einem leicht resignativen «Man sollte» stehen. In ihm reiften schnell die Ideen, wie etwas anzupacken wäre. So kam es, dass an jenen Abenden ein Grüppchen weiterdiskutierte und an der Idee arbeitete, eine eigene Pensionskasse zu gründen, was 1984 geschah.
Gerade die Zusammenarbeit mit Udo Herrmannstorfer trug die Merkmale der Kongenialität. Mit der Zeit konnte Udo Herrmannstorfer darauf vertrauen, dass der Weg von Daniel dem Denker zu Daniel dem versierten Praktiker kurz ist und rechtlich und wirtschaftlich «wasserdichte» Lösungen gefunden werden konnten. Dazu nur ein Beispiel:
Jeder Kredit geht mit Unsicherheiten einher. Dies berücksichtigen Kreditgeber mit einer sogenannten Risikoprämie (einem Zins-Aufschlag). In einem gewissen Sinn sind die Risikoprämien Versicherungsprämien für Kreditausfall. Vielleicht tritt der Schadenfall gar nie ein. Dann haben die Prämienzahler, die eine Art Solidaritätsverbund darstellen, der Versicherung einen Gewinn beschert. Herrmannstorfers Frage: Gäbe es nicht Möglichkeiten, den Solidaritätsverbund der Kreditnehmer erst dann zu Beiträgen aufzurufen, wenn ein Schaden effektiv eingetreten ist? So könnten Kredite verbilligt werden (eine sehr aktuelle Frage in Hoch-Zins-Zeiten des letzten Jahrhunderts). Für Daniel Maeder war dies die Aufforderung, eine Lösung zu finden. Er brachte den ausgearbeiteten Vorschlag in den Stiftungsrat, einen Risikobeitrag in die Kreditverträge zu schreiben. Erst in einem Schadenfall sollte dieser fällig werden. So wurde es praktiziert. (Allerdings: Innovative Lösungen funktionieren nur in einem innovativen Umfeld. Mancher Kreditnehmer nimmt gerne den billigeren Kredit, empört sich aber, wenn der Schadenfall eintritt und er zahlungspflichtig wird.)
Es wäre verfehlt davon auszugehen, dass zwischen Udo Herrmannstorfer und Daniel die Arbeitsteilung Denker – Praktiker geherrscht hätte. Auch Daniel war sehr an gedanklicher und konzeptioneller Arbeit interessiert, wie sie in der CoOpera Arbeitsgemeinschaft (ARGE) und in den Grundlagengesprächen der Sammelstiftung PUK geleistet wurde. Für diese Grundlagengespräche arbeitete er immer wieder Papiere aus. Dieser sowohl im Praktischen wie im Erkenntnismässigen verankerten Gruppe war er ausserordentlich treu. Kaum einmal liess er sich entschuldigen. Dies war auch bei den ARGE-Reisen (mindestens den internationalen nach Indien, Italien, Sizilien, Ägypten, Ecuador) der Fall, wo die CoOpera Kredit- oder Lieferantenbeziehungen nachging.
«Maeder Treuhand» hiess Daniels Unternehmung, die schon bestand, als die Pensionskasse gegründet wurde. Die Pensionskasse übertrug Maeder Treuhand die Verwaltung des Vorsorgegeschäfts. Damit war eine unternehmerische Aufgabe gegeben. Doch dieses ganze Geschäft nahm seinen ruhigen Verlauf ganz innerhalb von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien. Alle Kreditentscheidungen wurden vom Stiftungsrat gefällt. Gab es dabei unternehmerisches Risiko oder war alles nur Verwaltung? Daniel war kein klassischer Verwalter, der sich ängstlich umschaut und einen Schritt unterlässt, von dem er nicht sicher weiss, ob er denn von der Obrigkeit explizit erlaubt sei. Er war eher eine Unternehmernatur die Verantwortung übernimmt, auch wenn es die Verantwortung für die Kastanien ist, die aus dem Feuer zu holen sind. So war es bei der Stiftung Rüttihubelbad, dem grossen Kultur- und Sozialwerk in der Nähe von Bern, das vom ursprünglichen Initianten mit viel höher gesteckten Zielen angegangen worden ist, als was finanzierbar war. In dieses Werk ging über Jahre ein grosser Teil der Energie von Daniel. Der Turnaround gelang.
Nun ist Daniel für die letzte Pflege an diesen Ort des Wirkens zurückgekehrt und ist da gestorben. Es ist eine eigenartige Signatur der Schicksalsverbundenheit, dass der etliche Jahre ältere Udo Herrmannstorfer ebenfalls in diese Einrichtung umgezogen ist. Da waren sich die beiden Freunde nochmals nah, auch wenn ein Austausch kaum mehr möglich war.
Matthias Wiesmann
PS: Dieser Nachruf erschien auch in den Schweizer Mitteilungen der Anthroposophischen Gesellschaft IV 2025 und in gekürzter Fassung in der GEGENWART – Zeitschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft von Gerold Aregger.