Das «volo» im Berner Lorraine-Quartier war 1995 der Startpunkt der WOK-Reihe. Aus einem Investorenwettbewerb der Stadt Bern entstand bis 2001 eine Siedlung, die bis heute Massstäbe setzt für Quartierintegration, flexible Wohnformen und das Modell «Miete nach Mass».
Aus einem Wettbewerb gewachsen.
1995 schrieb die Stadt Bern einen kombinierten Investoren- und Architektenwettbewerb aus, mit dem Ziel, im Lorraine-Quartier eine Überbauung für alternatives Wohnen und Arbeiten zu lancieren. Den Wettbewerb gewannen 1997 die beiden Berner Architekturbüros werkgruppe agw und ReinhardPartner AG, gemeinsam mit den nicht profitorientierten Pensionskassen GEPABU und coopera PUK als Investorinnen. Im selben Jahr wurde die WOK Lorraine AG gegründet – mit der Stiftung Wohnqualität als Mitaktionärin. 1999 startete der Bau, ab 2001 erfolgte der Bezug in Etappen.
Das «volo» liegt im Geviert Lorrainestrasse – Jurastrasse – Randweg, hinter der Gewerbeschule GIBB. Auf dem Areal entstanden in mehreren Etappen Neubauten ebenso wie sanierte Altbauten.

Quartierintegration als Leitidee.
Schon das Wettbewerbsmotto lautete «Quartierintegration». Erreicht wurde dieses Ziel auf mehreren Ebenen gleichzeitig: städtebaulich durch das bewusste Durchbrechen der Blockrandbebauung und den sanften Übergang zur Struktur der traditionellen Einzelbauten; architektonisch durch einen Fassadenfilter zur Strasse und durch Rücksicht auf prägende Altbauten und Bäume; und sozial durch das partizipative Mietmodell, das Raum lässt für grosse WGs aus dem Quartier sowie für eine vielfältige Nutzungsmischung. Im Erdgeschoss finden sich heute Ateliers, ein Laden und das Café «wartsaal» – ein vielbesuchter Treffpunkt, der zusammen mit einem indischen Lebensmittelladen eine Scharnierfunktion zum Lorraine-Quartier erfüllt.
Flexible Struktur, Miete nach Mass.
Im Rohbau waren nur die Statik, die Grunderschliessung und die Installationszonen vorgegeben. Über alle Geschosse hinweg ermöglichen Bodenöffnungen das vertikale Zusammenschliessen von bis zu vier Geschossen. Diese Flexibilität wurde in der Planungsphase intensiv genutzt: Schon während des Rohbaus reservierten die zukünftigen Mietenden ihre Flächen aufgrund einer Projektvorstellung im Internet. So entstand eine grosse Bandbreite an Wohnungstypen: vom 1-Personen-Loft über 1.5-Zimmer-Wohnungen bis zur Gross-Wohngemeinschaft mit 11 Zimmern über vier Geschosse. Neben Grösse und Grundriss konnten die Mietenden auch den Innenausbau im Rahmen eines Ausbaukatalogs mitbestimmen. Zusatzwünsche und Komfortverzicht wurden in der Miete berücksichtigt, daher auch der Name «Miete nach Mass».

Hausvereine und Selbstverwaltung.
Für das Zusammenleben sind die Mietenden in Hausvereinen organisiert. Das «volo» war zugleich die erste Siedlung, in der das Mietvertragsmodell der Stiftung Wohnqualität zur Anwendung kam. Die Hausvereine kümmern sich um Hausordnung, Hauswartschaft und Gemeinschaftsräume und treffen sich viermal pro Jahr. Eine externe Immobilienverwaltung übernimmt die administrativen Aufgaben. Das tägliche Zusammenleben regeln die Bewohnenden selbst.
Lebendiger Treffpunkt im Quartier.
Die Bewohnerschaft des «volo» ist altersmässig durchmischt; der Schnitt liegt bei rund 40 Jahren. Das vielfältige Wohnungsangebot zieht Familien, Wohngemeinschaften, Einzelpersonen und ältere Menschen gleichermassen an. Die Volo beherbergt unter anderem eine Ludothek, den Mädchentreff «Punkt 12» sowie den Jugendtreff «Gieletreff». Externe Quartiergruppen nutzen den Gemeinschaftsraum, die Siedlung beteiligt sich regelmässig an Quartieraktivitäten und stösst diese auch selbst an.
Eine Würdigung nach 15 Jahren.
2017 hat das ETH Wohnforum – ETH CASE die Überbauung Vordere Lorraine in der Publikation «Impulse zur Innovation im Wohnungsbau» ausführlich gewürdigt. Im Fazit heisst es: Die Volo ist ein zentraler Ort im Lorraine-Quartier, die Bewohnerschaft ist stolz auf ihren Wohnort, und das Mietmodell der Stiftung Wohnqualität trägt wesentlich zum Erfolg der Siedlung bei. Die Freiheit, Wohnung und Umgebung mitzugestalten, wirkt sich gemeinschaftsfördernd und identitätsstiftend aus.

Eckdaten WOK Lorraine AG.
- Standort: Lorrainestrasse/Jurastrasse/Randweg, 3013 Bern
- Bauträgerin: WOK Lorraine AG (49% GEPABU, 49% CoOpera, 2% Stiftung Wohnqualität)
- Baurechtsgeberin: Einwohnergemeinde Bern
- Architektur: werkgruppe agw und ReinhardPartner AG, Bern
- Investorenwettbewerb: 1995 / Gründung AG: 1997 / Baubeginn: 1999 / Bezug ab: 2001
- Umfang: 49 Wohnungen, 14 Ateliers/Läden/Büros, Cafébar, Kindertagesstätte
- Mietmodell: Stiftung Wohnqualität / Modell «Miete nach Mass»
In der nächsten Strichpunkt-Ausgabe folgt mit der ersten autofreien Wohnsiedlung der Schweiz das Portrait der WOK Burgunder AG.